Ein Fall für Vicky Kant

Die spannende Kurzkrimi-Serie um die Anwältin Vicky Kant. 

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Der Mord, der keiner war

Der Gefängnisdirektor empfing die Rechtsanwältin Vicky Kant an der Pforte der Haftanstalt. „Marek wartet in der Besuchszelle.“ Henry Marek war ein schmächtiger Mann, kaum 1,65 Meter groß, mit schütterem grauem Haar und eingefallenen Wangen. Sein Blick war stumpf. Nachdem der Gefängniswärter die Tür hinter Vicky geschlossen hatte, sagte er: „Ich möchte ein Geständnis ablegen! Ich habe vor drei Jahren Heinz Koester ermordet! Setzen Sie sich mit der Polizei in Verbindung und vertreten Sie mich vor Gericht!“

Vicky musterte Marek. Der kleine Mann saß wegen Unterschlagung. Vor einem Jahr hatte Vicky ihn verteidigt, weil er in seiner Firma 50.000 Euro für sich abgezweigt hatte.
„Wegen des Mordes an Heinz Koester wurde Erwin Gering verurteilt, obwohl der stets behauptet hat, unschuldig zu sein“, sagte Vicky. „Wenn ich mich richtig erinnere, sitzt er auch hier.“
„Wir haben uns ein halbes Jahr eine Zelle geteilt“, sagte Marek. „Das ist auch der Grund, warum ich die Wahrheit sagen will. Ich will nicht, dass ein Unschuldiger im Gefängnis sitzt.“
„Gering war der Geschäftspartner des toten Koester“, sagte Vicky. „Den beiden gehörten die meisten Nachtclubs in der City. Nicht nur deshalb wurde Koester auch der ‚König’ genannt, sondern auch, weil er mit seinen 180 Kilo eine beeindruckende Erscheinung war. Woher haben Sie denn den ‚König’ gekannt?“
Marek rutschte auf seinem Stuhl herum. „Ich habe mein unterschlagenes Geld in seinen Nachtclubs verspielt.“
„Das war aber sicher kein Grund, ihn zu töten“, sagte Vicky.
„Koester hatte erfahren, dass ich das Geld unterschlagen hatte. Damit erpresste er mich. Dem wollte ich ein Ende bereiten. Deshalb bin ich vor drei Jahren in der Nacht vom 28. auf den 29. August zu Koesters Villa im Erlengrund gefahren. Es war gegen 23 Uhr. Niemand hat mich gesehen, als ich bei ihm klingelte. Er bat mich nach oben in sein Arbeitszimmer. Von dort aus hatte man einen Blick auf das Wäldchen hinter dem Haus ...“ Marek schöpfte tief Atem. „Dort habe ich ihn erschossen. Dann habe ich Koesters Leiche nach unten geschleppt, sie in seinen Wagen geladen und bin zu dem See fünf Kilometer weiter gefahren. Dort habe ich die Leiche ins Wasser geworfen.“
Vicky sah den kleinen Mann zweifelnd an.
„Glauben Sie mir etwa nicht?“, fragte Marek.
„Bis jetzt deckt sich Ihre Schilderung mit dem Tathergang, den die Kripo seinerzeit rekonstruiert hat“, sagte Vicky, „bis auf die Tatsache, dass Koesters Wagen 100 Meter vom Seeufer entfernt stand.“
„Die Straße endete dort“, sagte Marek. „Ich musste den Toten zum Ufer schleppen, um ihn loszuwerden. Danach bin ich zu Fuß zu Koester Haus zurück und mit meinem Wagen heimgefahren.“
Vicky verzog keine Miene. „Ich werde Ihnen morgen sagen, ob ich Sie vertrete“, sagte sie. „Es ist wahrscheinlich das Beste, wenn auch Sie noch einmal eine Nacht darüber schlafen!“

Vicky trat in den Gefängnishof. Der Direktor beobachtete einen großen, massigen Gefangenen, der im Kreis joggte. „Das ist Erwin Gering“, erklärte der Direktor. „Marek und Gering saßen früher einmal zusammen in einer Zelle. Jetzt hat Marek eine Einzelzelle, weil er schwer krank ist. Krebs. Er hat nur noch drei Monate zu leben. Marek und Gering haben sich sehr gut verstanden. Wie Vater und Sohn.“ Er sah Vicky an. „Was wollte Marek?“
Sie seufzte. „Er will einen Mord auf sich nehmen, den Gering begangen hat. Marek weiß, dass er bald sterben muss. Also will er vorher noch dafür sorgen, dass Gering freikommt. Von ihm kennt er alle Einzelheiten des Mordes an Koester, deshalb klang sein Geständnis eben auch ganz überzeugend.“
„Aber?“ fragte der Direktor.
Vicky deutete auf den massigen Erwin Gering und sagte. „Der tote Koester war 180 Kilo schwer und sehr groß. Man nannte ihn ja nicht umsonst den ‚König’. Für einen kleinen schmächtigen Kerl wie Marek, der kaum 65 Kilo auf die Waage bringt, wäre es unmöglich gewesen, Koesters Leiche, so wie er es behauptet, erst aus dem Haus und dann auch noch zum See zu schleppen.“ Sie zeigte auf Gering. „Er ist groß und kräftig. Für ihn war es kein Problem!“ 
„Dann ist Marek also unschuldig“, meinte der Direktor. 
„Ja“, sagte Vicky nachdenklich. „Bloß ist es komisch, dass ich ihn in diesem Fall davon überzeugen muss und nicht das Gericht.“

Ein Fall für Vicky Kant, Textmaterial, Syndication

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Petra Becker

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