Kurzkrimi

Wer kommt als Täter in Frage? Wessen Alibi ist nicht so stichfest wie es schient?


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Nur ein Viertelstündchen

Später, als Mackensen tot vor ihm lag, konnte Röder sich nur noch bruchstückhaft erinnern. An den Streit, an Hermanns Vorwürfe, absichtlich den Konkurs der gemeinsamen Firma herbeigeführt zu haben und schließlich die Pistole, die Röder herausgerissen hatte. Zweimal hatte er abgedrückt. Unmittelbar nach dem Schuss war Röder aus dem Haus gestürzt und hatte dabei beinahe Frank, Mackensens Neffen, über den Haufen gerannt. Bei dieser Aktion war ihm die Pistole aus der Hand gefallen. Wie von Sinnen war er durch die Straßen gehetzt, bis er endlich ein Taxi fand.

Während das Taxi durch die Innenstadt fuhr, saß Röder schwer atmend auf dem Rücksitz. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ihm die Polizei auf die Spur kommen würde. Frank hatte ihn am Tatort gesehen. 
„Ist ihnen nicht gut?“, raunzte der Taxifahrer.
Röder fuhr auf. „Was... was ist denn?“ 
„Ich hab Sie gefragt, ob Sie wissen, wie spät es ist!“ brummte der Fahrer.
Röder schaute auf die Uhr und sagte: „Halb vier!“
Der Taxifahrer bog ab und bremste scharf. “Da wären wir.“

Als Röder am nächsten Morgen die Zeitung aufschlug, glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen. „Täter auf frischer Tat ertappt!“, hieß es da. „Gestern wurde der Fabrikant Josef Mackensen von seinem Neffen Frank erschossen. Der junge Mann wurde unmittelbar nach dem Mord noch mit der Waffe in der Hand von einem Nachbarn gestellt. Trotz der erdrückenden Beweislast bestreitet Frank Mackensen, seinen Onkel umgebracht zu haben.“ 
Das durfte doch nicht wahr sein! Röder rief ein Taxi und ließ sich ins Polizeipräsidium bringen. Der Kommissar, der den Mordfall Mackensen bearbeitete, hieß Franzke, und er empfing Röder mit einem brummigen „Guten Morgen!“ Nachdem Röder ihm die Geschichte erzählt hatte, fühlte er sich erleichtert. 
Der Kommissar runzelte die Stirn. „So, Sie behaupten also, Mackensen umgebracht zu haben.“ sagte er. „Frank Mackensen hat versucht, den Verdacht auf Sie zu lenken. Er behauptet, Sie wären ihm an der Haustür begegnet und hätten die Pistole verloren.“ 
„Das stimmt!“, versicherte Röder.
„Aber auf der Pistole fanden wir nur Fingerabdrücke von Frank Mackensen!“, sagte der Kommissar. „Wir werden auf alle Fälle den Taxifahrer verhören, mit dem Sie angeblich gefahren sind!“ 
Mittags bat der Kommissar Röder erneut zu sich.
„Ihre Geschichte ist zusammengebrochen“, sagte der Beamte. „Der Taxifahrer bestätigt, dass er Sie um halb vier in seinem Taxi gefahren hat. Er erinnert sich so genau daran, weil er Sie nach der Uhrzeit fragte. Aber genau um halb vier hörte Mackensens Nachbar die Schüsse und fand Frank mit der Waffe in der Hand. Warum wollen Sie den Mord auf sich laden, Herr Röder? Werden Sie dafür bezahlt?“ 
„Nein!“, schrie Röder. Seine Gedanken rasten. Die Uhrzeit! Seine Uhr musste eine Viertelstunde nachgegangen sein, daher die Zeitgleichheit. Und damit hatte er ein perfektes Alibi. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als er taumelnd das Polizeipräsidium verließ. Er war schuld daran, wenn Frank Mackensen nun lebenslänglich ins Gefängnis kam. 
Röder sah das Taxi, das um die Ecke bog, nicht mehr rechtzeitig. Bremsen quietschten, und Röder wurde zu Boden geschleudert. Er war sofort tot. 
„Er ist mir in den Wagen gelaufen“, stammelte der Taxifahrer zu Kommissar Franzke, der herausgestürzt kam. „Ich erkenne ihn, es ist mein Fahrgast von gestern. Ich bin noch einmal hergekommen, um meine Aussage von vorhin zu korrigieren. Ich habe eben festgestellt, dass meine Uhr eine Viertelstunde nachgeht ..."

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